Was gewesen wäre

Was gewesen wäre

Wallstein Verlag (2014)
236 Seiten 
ISBN: 978-3-8353-1359-0

"In unaufgeregtem Ton und mit einer klaren Sprache schaut Gregor Sander in Was gewesen wäre den Protagonisten beim alltäglichen Leben zu. Das hört sich banal an, gewinnt seine Faszination aber durch das Wechselspiel von großer Geschichte und den vermeintlich kleinen Geschichten der Figuren.“

Peter Schulz, Zeit-Online, 15.07.2014


Vielleicht gelingt Gregor Sander dieser distanzierte und doch mitreißende Blick auch deshalb so gut, weil er aus der Perspektive von Astrid erzählt, er also die weibliche Rolle in dieser Geschichte einnimmt. "Was gewesen wäre" ist ein vielschichtiges Buch - eine abenteuerliche Liebesgeschichte, ein Zeitpanorama und das Porträt einer untergegangenen Zeit - und all das erzählt der Autor so spannend wie einen psychologischen Krimi.

Andrea Gerk, NDR, 22.05.2014


"Ein wunderbarer Liebesroman!“

Ernst A. Grandits, 3sat, 14.03.2014


„Verblüffend an diesem Roman ist, dass trotz der komplexen Bezüge nichts konstruiert wirkt. Die großen politischen Themen und die einschneidenden persönlichen Erfahrungen tauchen fast beiläufig auf, da wird nicht, wie in den auftrumpfenden Genres "Zeitroman", "Familienroman", "Coming- of-Age-" oder "Berlin-Roman" mit Effekten hantiert, mit zitierfähig Spektakulärem. Gregor Sanders Sprache ist leise, nichts ist überflüssig, besonders auffällig sind die präzisen, realistischen Dialoge und die unverwechselbar gezeichneten Personen.“

Helmut Böttiger, Süddeutsche Zeitung, 11.03.2014


„Ich fand die Freundinnen ganz großartig. Es ist nämlich auch eine Freundinnengeschichte. Es geht um Verrat und um die Frage der Rache. Es geht um Astrid und ihre beste Freundin Jana, die sie ermutigt mit Julius, ihrer großen Liebe, das ist das Leitmotiv ihres Lebens, wieder Kontakt aufzunehmen. ... Jana und Astrid das sind sehr, sehr lebendige Figuren...Das hat mir sehr gefallen. Ich bin sehr mitgegangen und habe das mit großem Gewinn gelesen.“

Maike Albath, Deutschlandfunk, 10.03.2014


„Sander lässt die Figuren sich leichthändig gegenseitig spielen, setzt ein vollkommen kitschfreies Geschichtspanorama zusammen aus Alltag und Verrat, springt durch die Zeiten. Und macht alles leicht und traurig. Eine neue Körperlichkeit hat Sanders Literatur, eine neue Nähe und Wärme. Man möchte den Roman unbedingt allen für den See empfehlen, wenn der Sommer groß wird.“

Elmar Krekeler, Die Welt, 01.02.2014


„Gregor Sander kann Szenen beschreiben in den man fast spazieren gehen kann... Was gewesen wäre ist ein genauer Roman mit wunderbar durchfühlten Sätzen. Gregor Sander erzählt von der Kontinuität der Suche nach sich selbst und der zwischenmenschlichen Beziehungen über alle Brüche hinweg ­ und zwar sowohl der historischen Brüche wie dem Mauerfall als auch der privaten Brüche wie Trennungen.“

Dirk Knipphals, Deutschlandradio Kultur, 07.02.2014


„Die Nebenfiguren sind nicht nur mit prägnantem Witz gezeichnete starke, witzige Charaktere, sie tun auch für das Paar viel mehr, als die beiden wohl je bereit wären zu tun. Aus diesen Diskrepanzen gewinnt der im Ganzen souverän, fast cool erzählte, im Einzelnen glänzend verdichtete Roman seinen Humor.“

Hans-Jost Weyandt, TAZ, 01.03.2014


„Eine Liebesgeschichte vor dem Hintergrund der deutschen Geschichte seit den Zeiten der untergehenden DDR Ende der achtziger Jahre. Zugleich ein wunderbar leichthändig geschriebenes Buch über Sinn- und Selbstsuche in einer Welt, in der die alten Seinsgewissheiten über Bord gegangen sind.“

Elke Schlinsog, Radio Bremen, 02.03.2014


„Sander zeigt auf eindringliche Weise, wie die deutsch-deutsche Geschichte bis heute Gefühlsleben beeinflusst und Biografien verbiegt.“

Oliver Pfohlmann, Tagesspiegel, 16.03.2014

Tee an der Elbe

Der Wagen schnurrte nicht, er brummte die letzten Kilometer von Perleberg nach Wittenberge wie eine dicke Fliege. »Meine Mutter liebt diese Karre, obwohl sie fünfundzwanzig Jahre alt ist und dauernd kaputt«, hatte Julius beim Einsteigen gesagt und dabei das Blech gestreichelt. Ein 311er Wartburg sei das einzige Ostauto, das ihre Augen nicht beleidige. Das Dach und die obere Hälfte der Türen waren tiefblau, und unten herum war der Wagen weiß. Wir saßen meinetwegen in diesem Wartburg, der tatsächlich elegant aussah mit geschwungenen Kotflügeln wie breite Flossen. Allein wäre Julius mit dem Motorrad gefahren, und ich fühlte immer noch das warme Gefühl des Stolzes in mir. Jetzt fuhr er wortlos, in sich versunken, und blickte nur manchmal zu mir rüber, ohne dass sich dabei seine Miene änderte.

Er wollte nicht, dass ich mitkomme nach Wittenberge, um seinen Bruder kennenzulernen und seine Oma. »Wozu das?« – »Um zu wissen, wie sie sind, und um bei dir zu sein«, hatte ich geantwortet und noch gedacht: »Und weil du in drei Monaten zur Fahne musst und ich dich dann überhaupt nicht mehr sehe. Nur noch alle zehn Wochen oder so, wenn du das überhaupt willst.«

Wir lagen auf der Wiese vor dem Forsthaus in der Sonne. Katharina lief unschlüssig mit einer Super 8-Kamera durch den Garten. Sie trug einen Jeansrock und ein hellrotes verwaschenes T-Shirt, und ihre Haare waren verstrubbelt vom Baden. Sie wollte uns filmen, mich und Julius, aber der hatte das barsch abgelehnt, bevor ich auch nur verstand, worum es überhaupt ging. »Ich bin kein Zirkuspferd, Katharina, echt. Such dir irgendwen anders.«

»Ach, komm schon«, sagte sie und zeigte auf den Wald um uns herum. »Wen soll ich mir hier sonst suchen? Ihr seid so schön, ihr beide. Wirklich, wie junge Pferde seht ihr aus.«

»Lass gut sein, Katharina. Geh in dein Atelier und mal oder trommel oder film Vögel oder was auch immer, aber lass uns in Ruhe.« Zumindest hatte er »uns« gesagt. Katharina war abgerauscht und rumorte tatsächlich in ihrem Atelier herum. Julius stand auf und sah auf mich herunter. Ich musste die Augen zusammenkneifen, weil die Sonne direkt neben seinem Kopf stand. »Ich sehe meinen Bruder einmal im Jahr. Für eine Woche. Wir haben da Dinge zu bereden, und außerdem ist es auch saueng bei Oma, und was sollen wir denn da machen?«

»Du nimmst mich mit und sagst, dass ich deine Freundin bin, und was wolltet ihr denn ohne mich machen?«

»Was weiß ich? Baden, Fahrrad fahren, angeln.«

»Na, das kann ich auch. Und beim Angeln bin ich ganz still, damit die Fische beißen.«

Er lachte zumindest, aber sagte dann doch: »Nee, ich weiß nicht. Ist doch nur eine Woche. Dann bin ich wieder hier.« Er drehte sich um, sah auf den See, und bevor er losgehen konnte, setzte ich mich auf seinen rechten Fuß und umklammerte sein Bein. Es war warm, und die sandbraunen Haare kitzelten meine Wange. Julius sah unschlüssig an mir herunter wie auf etwas, in das er aus Versehen hineingetreten war, und dann ging er einfach Richtung See mit mir auf seinem Fuß. Ich lachte auf, hielt mich fest, und er stapfte so in das Wasser hinein. Irgendwann musste ich ihn loslassen, weil ich keine Luft mehr bekam, und beim Auftauchen sah ich Katharina am Ufer stehen mit der Kamera. »Wunderbar. Könnt ihr das vielleicht noch einmal machen?« Julius stand im hüfttiefen Wasser, zeigte mit dem Finger auf die Kamera und sagte: »Wenn ich das in irgendeiner Ausstellung sehe, dann rede ich kein Wort mehr mit dir.« – »Da brauchste ja keine Angst zu haben. Ich hab Ausstellungsverbot, mein Großer. Das weißt du doch.«

Die Fahrt dauerte ewig. Über Neustrelitz, Malchow und Pritzwalk. Wir hatten die Fenster heruntergedreht, und Julius' offene Haare wehten im Wind. Noch nie hatte ich neben einem Jungen vorne im Auto gesessen. Selbst im Auto meiner Eltern saß ich nur vorn, wenn ich mit meiner Mutter allein unterwegs war. »Warum hast du eigentlich schon einen Führerschein? Hast du Beziehungen gehabt oder was?«, fragte ich Julius. Normalerweise musste man Jahre warten, um die Fahrschule besuchen zu dürfen. Umständlich kramte ich die Schachtel »Club« aus meinem kleinen Rucksack, die Jana mir vor der Abfahrt geschenkt hatte. Ich rauchte nur selten, wenn ich unsicher war und etwas zum Festhalten brauchte. Julius sah verächtlich auf die »Club« und zog seine »Alten Juwel« aus der Hosentasche, die kleiner waren als meine und ganz verknittert. Er warf sie mir rüber. »Machste mir eine davon an?« Vor uns fuhr ein dicker alter knatternder Bus, den Julius nicht überholen konnte, und zwei kleine Jungs, die auf der Rückbank knieten, schnitten uns Grimassen durch das ovale Rückfenster. Ich zündete erst Julius' Zigarette an und dann meine und achtete darauf, dass mir der Rauch nicht in die Augen stieg wie meistens. Aber es gelang, und ich steckte Julius die Zigarette zwischen die Lippen und streichelte seine Wange. Er sagte: »Die Fleppen hat mein Vater bezahlt über Genex. Ich musste gar nicht warten. Konnte direkt anfangen nach meinem 18. Geburtstag. Du kriegst fast alles über Genex. Es ist eigentlich ein Wunder, dass er mir den Abiturplatz nicht mit Westgeld bezahlen konnte. Er wollte mir auch ein Auto schenken, einen Lada. Wollte Katharina aber nicht. Ich hätte das gar nicht so schlecht gefunden, dann könnte man zum Beispiel Busse überholen.«

Es gab verschiedene Arten, wie Julius auf meine Fragen antwortete. Manchmal antwortete er gar nicht und oft nur mit ein, zwei Sätzen, aber ich hatte so viele Fragen. »Und wieso kann dein Vater eigentlich in die DDR kommen, wenn er doch abgehauen ist? Hat der gar keine Angst, dass sie ihn hier einsperren?« – »Mein Vater ist 1967 abgehauen, aber es gab eine Amnestie. Alle, die vor 1973 weg sind, dürfen wieder in unser kleines Paradies kommen. Die danach die Biege gemacht haben, müssen draußen bleiben.« 1967 war Julius ein Jahr alt. Er hatte seinen Vater also erst nach 1973 kennengelernt. Wenn überhaupt. Da war er sechs Jahre alt. Danach fragte ich vorsichtshalber nicht auch noch, sondern warf die Kippe aus dem Fenster, zog meine Unterlider mit den Händen hinunter, verdrehte meine Augen und streckte den beiden Kindern im Bus die Zunge raus. Sie lachten und verschwanden für einen Moment.

Als wir das Auto in Wittenberge abstellten zwischen den Wohnblocks, wo Julius' Großmutter wohnte, sah er zu mir rüber und sagte: »Zwei Tage, und dann haust du wieder ab, ohne jede Diskussion.« Ich umfasste seinen Nacken, küsste ihn und sagte: »Pionierehrenwort.« Es roch merkwürdig in Wittenberge. Schwer und schwefelig, und es kam mir vor, als ob die Luft dichter war als zu Hause. Wie zusammengepresst. Wir gingen den letzten Aufgang des zweiten Wohnblocks hoch. Ich mochte diese Neubautreppenhäuser, die immer wirkten, als wenn sie zu klein geraten wären für die klotzigen Häuser. Bei Janas Eltern am Datzeberg in Neubrandenburg gab es einen wackeligen Fahrstuhl, aber dafür waren diese Blocks hier mit ihren fünf Stockwerken zu klein. Julius sprang vor mir die Treppen hoch, und ich lief hinterher. Auch die Oma war klein, ich überragte sie um einen halben Kopf, und das passierte mir nicht oft. Sie machte die Tür auf und schob ihre große braune Brille zurecht. »Da seid ihr ja«, sagte sie freundlich.

»Das ist Assi, Herminchen. Kannste ›du‹ sagen«, sagte Julius und schob mich in einen Flur, der vielleicht zwei Meter lang war. Drei Türen gingen von ihm ab, und an der Wand hing eine hölzerne Garderobe mit einem eingefassten geschliffenen Spiegel. Ich sah mich darin neben dieser kleinen alten Frau stehen, unter deren grüner Schürze die Ränder eines hautfarbenen BH zu sehen waren. Nichts an Julius und seiner Umgebung war bisher normal gewesen, aber diese Großmutter sah aus wie meine Omas.

Ich ging ins Bad, das hinter einer Tür mit geriffelter Milchglasscheibe lag. Der Toilettendeckel war hellblau umhäkelt, genau wie der kleine Teppich vor der Badewanne. Vor dem Fenster hing eine weiße bestickte Gardine, die die Scheibe zur Hälfte verdeckte, und auf der Wiese zwischen uns und dem nächsten Block lag ein Kinderspielplatz, auf dem nicht ein Kind zu sehen war. »Na, Alter«, hörte ich eine fremde Stimme vor der Tür sagen, »hast du dir ja ganz schön Zeit gelassen«, und ich fragte mich, ob Julius die Augen verdrehte und auf die Klotür zeigte oder was er sagte, aber ich konnte im Bad nichts mehr verstehen.

Als ich in den kleinen Flur trat, sah ich von Julius' Bruder nichts außer seinen Rücken in einem orangen T-Shirt. Die Großmutter kam auf mich zu, als hätte sie auf mich gewartet, und nahm mich am Arm. »Dann wollen wir mal Kaffee kochen.« Ich folgte ihr die paar Meter in die Küche, die nur ein schmaler Schlauch war. Es gab keinen Tisch, nicht mal Stühle, der Raum war so eng, dass man in ihm nicht sitzen konnte. Man konnte nicht einmal aneinander vorbeigehen, ohne sich zu berühren. »Die beiden sehen sich ja kaum«, sagte die alte Frau und schob ihre Hornbrille höher, und ich wusste nicht, ob sie damit meinte, dass ich eigentlich stören würde, oder es einfach nur erklärend sagte. Sie öffnete einen Schrank, in dem fünf Kaffeepäckchen Jacobs Krönung nebeneinanderstanden, nahm ein offenes heraus, und dann schaufelte sie das Pulver mit einem kleinen Portionslöffel in die weiße Filtertüte. Die Kaffeemaschine begann augenblicklich zu blubbern und zu zischen, und »Herminchen«, wie Julius sie genannt hatte, sah mich an und lächelte durch mich hindurch. Sie strich sich unaufhörlich über ihre Schürze, und ich drehte mich zum Fenster. Es war der gleiche Ausblick wie aus dem Badezimmer, und immer noch lagen die Spielgeräte verwaist. Kein Mensch zu sehen. Ich hörte die Oma in den Schränken rumoren, lehnte den Kopf für einen Moment an die Fensterscheibe und schloss die Augen. Durch meinen Pony spürte ich die Kühle des Glases und fragte mich, worüber die beiden Brüder sprechen würden. In meiner Vorstellung sah Sascha aus wie Julius, nur kleiner. »Nun komm mal, Kindchen«, hörte ich die alte Frau sagen, »und bring die Kaffeekanne mit.«

Ich schälte schmale Streifen von meiner Eierschecke, stach sie behutsam mit der Kuchengabel auf, aß sie und begann wieder von vorn. Das half mir, nicht pausenlos Sascha anzustarren und dann rüber zu Julius zu sehen und Vergleiche anzustellen. Ihre Nasen waren gleich, schmal und an den Spitzen leicht nach oben gebogen. Keine Himmelfahrtsnasen, aber von der Seite sah man so einen Schwung. Sascha war kaum kleiner als sein Bruder, und auch seine Haare waren lang, aber glatt. Fast rhythmisch warf er den Kopf zur Seite und damit die Haare aus dem Gesicht. Seine Augen waren blau, nicht grünbraun wie die von Julius. Er war zwei Jahre jünger als sein Bruder, also siebzehn, so wie ich. Jedes Jahr komme er hierher, um sich mit Julius zu treffen, hatte er mir erzählt. Seit er sieben Jahre alt war. Sein Vater habe ihn anfangs über die Grenze gebracht und sei dann wieder zurückgefahren, und Herminchen hatte ihn dann eben hier abgeholt. »Alles ganz easy.«

Der gelbe Streifen Kuchen zitterte leicht auf meiner Gabel, und es bestand die Gefahr, dass er hinunterfällt, aber das war es wert. Er musste so dünn wie möglich sein und durfte nicht zerbrechen, bevor ich ihn in den Mund schob. Keiner sagte etwas, und alle außer mir schienen sich wohlzufühlen. Veilchenmuster auf den Tellern und den kleinen Tassen. Wir saßen tief in den alten Sesseln einer anderen Zeit, die die Oma hier irgendwann in diese kleine Zweiraumwohnung geschafft hatte, und schwiegen. Nur das Rascheln von Herminchens rauen Händen auf dem Kittelstoff war zu hören.

»Lass uns noch ein bisschen an die Elbe fahren.« Es war Julius, der das sagte. Am liebsten wäre ich aufgesprungen und jubelnd rausgelaufen. »Ja, lass uns auf das Wasser gucken mit Tee und Plätzchen«, sagte Sascha und grinste mich an. »Warte nicht mit dem Abendessen, Herminchen«, rief Julius, bevor er die Tür zuzog.

Im Auto saß ich wieder hinten, ganz selbstverständlich hatte ich mich dorthin gesetzt und ärgerte mich darüber, während ich die Kopfformen der beiden Brüder verglich. Sascha eher rund und Julius eher eierig. Ich sagte nein, als mir Sascha eine Zigarette nach hinten reichen wollte, und war sauer, ohne dass es irgendjemand merkte oder störte.

Wir verließen Wittenberge wieder und hielten nach ein paar Kilometern an einem Elbdeich, liefen hinauf und legten uns auf der Flussseite ins Gras. Die Elbe lag breit und ruhig vor uns. Nur ein paar Enten quakten, und die Strömung bildete kleine Längswellen, die sich schnell wieder auflösten. Sascha holte mit einem lauten »Tata« einen Teebeutel aus der vorderen Tasche seiner Jeansjacke und legte ihn auf die Keksdose, die während der Fahrt auf seinen Knien gestanden und ihm als Trommel gedient hatte.

»Teekenner Pfefferminze« las er vom Etikett des Teebeutels ab. »Aber wir haben doch gar kein kochend Wasser«, sagte ich. »Brauchen wir auch nicht, Assi«, sagte Julius, und sie lachten beide. Sascha fummelte ein kleines Loch in den Teebeutel: »Zwei Wochen Ferienarbeit letzten Winter bei ›Teekenner‹ in Bergedorf. Sechs Mark die Stunde. Nur deinetwegen, Bruderherz.« Er hielt den Beutel noch einmal am kleinen Band hoch: »Exakt 2,5 Gramm. Streng nach Vorschrift. Perfekt. Ich habe mir gleich mehrere Spezialbeutel gemacht. Dann kann ich auch mal ein paar mitnehmen nach Italien oder Mallorca oder so. Völlig gefahrlos, oder? Kommt kein Mensch drauf. Und im Zug hierher hatten die sogar Hunde. Aber eure Köter sind ja eher auf Menschenfleisch dressiert als auf Gras.«

Er streute ein bisschen von dem grünen Inhalt aus dem Teebeutel auf ein Stück Papier, gab Tabak dazu und drehte eine Zigarette daraus. Vorne formte er sie zu einer Spitze, leckte seinen Finger an und fuhr einmal herum. »Na, habt ihr so was Schönes schon mal gesehen?«

»Was macht ihr?«, fragte ich, und Julius sah mich an: »Wir kiffen.«

»Yeah, Bruder«, sagte Sascha und lachte.

»Sascha hat so viel davon erzählt das letzte Mal, und ich wollte das auch mal probieren. Ich hätte ja auch damit gewartet, bist du weg gewesen wärst, aber mein kleiner Bruder ist so ungeduldig.«

Sascha öffnete die Dose, und wir sahen alle hinein. Es lagen tatsächlich Schokokekse darin. »Habe ich selbst gebacken. Doktor Oetker Backmischung mit was drin, aber damit müsst ihr vorsichtiger sein. Das wirkt ganz anders. Viel intensiver.« Er lachte und zog dabei den Rotz hoch.

Ich versuchte die Bilder von ausgemergelten Heroinsüchtigen, die ich im Fernsehen gesehen hatte, wegzuschieben und dachte an Jana. Die würde hier keine Sekunde zögern. Julius beäugte mich unsicher, so als würde ich jeden Moment aufspringen und nach der Polizei rufen. Ich spürte, wie sich die Härchen an meinen Armen trotz der Wärme aufstellten. Sascha zündete diese dicke Zigarette an. »Du kannst gar nicht abwarten, bis ich wieder verschwunden bin, Julius Herne, wa?«, sagte ich, griff mir einen Keks und biss hinein. Er schmeckte süß und nach Schokolade.

Mir war nach einer Weile, als könnte ich alle Geräusche um mich herum voneinander getrennt hören und doch zusammen. Ich lag im Gras und hatte die Augen geschlossen. Zweimal hatte ich noch an der Zigarette gezogen. Der Fluss roch moderig und nach Fisch. Ein langer Lastkahn tuckerte die Elbe hinunter. Den hatte ich vorhin noch in einiger Entfernung gesehen. Der Motor stampfte laut und metallen und zog an uns vorbei. »Bald wird der in Hamburg sein bei Sascha, aber der ist ja hier.« Ich musste grinsen bei dem Gedanken und hatte das Gefühl, dass sich mein Gesicht wie von allein verzieht, wie in Zeitlupe, und dann so bleibt. Ich hörte die Jungs wiederkommen, die zum Wasser hinuntergelaufen waren, der Deckel der Dose klapperte, und Sascha sagte: »Mensch, nicht noch einen, Julius, das ist schon der vierte.« – »Das wirkt überhaupt nicht, das Zeug«, hörte ich Julius sagen, und Sascha lachte auf: »Nee, das sehe ich.« Ich wollte die Augen öffnen und ihnen zuwinken, aber etwas in mir wollte das nicht und ließ mich weiter lächeln. »Biste noch da, Assi?«, fragte Julius ganz nah über mir, und er küsste mich, und ich küsste ihn zurück. »Mhm.«

Ich schlief nicht wirklich ein, aber es war so, als würde ich durch meine Träume spazieren. Ich sah einen großen Setzkasten, in dem viele einzelne Menschen saßen, und mein Blick konnte nah und fern sein, dass ich sie allein betrachten konnte oder alle zusammen. Eine Frau, die auf einer Waschmaschine saß und ihre baumelnden Beine so schnell bewegte, dass ich nur einen Fächer sah. Zwei Männer spielten Tischtennis. Die Platte füllte fast den gesamten Raum aus, und ich hörte den Ball. Klack, klack. Dann spürte ich eine Hand an meiner Schulter. Mein Mund war ganz trocken. »Assi, wir müssen uns um den da kümmern«, sagte wer, und ich hörte mich wie von weitem: »Sag doch Astrid bitte, ja?«

»Das kann ich machen, aber mach du doch mal die Augen auf.«

Es war viel zu hell. Das Licht brannte, und ich schloss die Augen gleich wieder. Im letzten Moment hatte ich Julius gesehen, der auf einem großen Stein hockte und etwas umfasste wie ein Lenkrad, und ich hörte ihn rufen. »Kommt, steigt ein. Das geht ab. Die volle Geschwindigkeit. Es geht los, es geht los.«

Ich sprang auf und fühlte mich merkwürdig weich in den Knien. »Was sollen wir tun. Ich meine, was machen wir. O Gott, hat der jetzt 'ne Überdosis oder was?« Ich lief auf Julius zu und wollte ihn umarmen, aber er hielt das imaginierte Lenkrad fest und machte Motorengeräusche: »Brrrrrrrrrrrrrrrr, Wosch.« Er lachte mit verzerrtem Gesicht. »Steig ein, Assi, die volle Geschwindigkeit.«

Neben mir ging Sascha in die Hocke und sah mich an. »Was machen wir denn jetzt?«, fragte ich. »Du willst doch Ärztin werden«, sagte er, und ich antwortete: »Ja, aber das bin ich noch nicht. Ich habe bloß ein Praktikum gemacht auf einer Kinderstation.«

»Na ja, Kinderstation passt doch«, sagte er und zeigte auf Julius, der weiter auf seinem Stein durch den Weltraum raste. Ich musste lachen, und Sascha ließ sich auf die Seite fallen, hielt sich den Bauch und stieß nur immer wieder »Kin-der-sta-tion« hervor. Plötzlich sagte eine tiefe Stimme hinter mir: »Was ist denn mit euch los?«

Ich drehte mich um, und hinter uns standen zwei Männer. Einer war groß und massig. Er trug ein offenes rotkariertes Hemd mit einem Feinrippunterhemd darunter, und an den Füßen hatte er grobe Holzpantinen. Sein Kopf war rund, er hatte kaum Haare und seine Wangen waren von geplatzten Äderchen durchzogen.

»Ist der bekloppt oder was?«, fragte er und deutete auf Julius, der unverändert auf seinem Stein saß und niemanden zu bemerken schien. Sascha hatte sich aufgesetzt, lachte aber immer noch. Der zweite Mann war ganz klein und dünn und trug einen abgewetzten Lederhut, Turnschuhe, ein hellgelbes T-Shirt und eine verwaschene Jeans. Seine Nase sah aus wie breitgehauen. Jetzt sah ich unten am Deich auch ihre Fahrräder liegen, an die Angeln gebunden waren, und ein weißer Eimer baumelte am Lenker.

»Die sind blau, die beiden«, sagte ich. »Haben zu viel getrunken.«

»Die Jugend von heute ist schon am späten Nachmittag besoffen.« Der Kleine drehte sich um und sagte: »Ist das euer Auto?«

»Das von meinem Vater«, sagte ich. »Der ist nur im Wald. Pilze sammeln.«

»Pilze sammeln? Bei dem Wetter?« Er drehte sich um, sah auf das Auto und dann wieder mich an.

»Habt ihr denn noch was zu trinken?«

»Nee, ist alles alle. Und die Flaschen haben wir in die Elbe geworfen, als Flaschenpost.«

Als ich das Wort »Flaschenpost« sagte, fiel Sascha wieder um, strampelte mit den Beinen und presste mehrmals unter Juchzen das Wort »Flaschenpost« heraus.

»Wollen Sie hier angeln?«, fragte ich. Der Größere griff nach der Keksdose und öffnete sie. Er gab seinem Freund wortlos einen der Kekse. »Du bist nicht von hier, 'ne? Da fängst du keinen Stint mehr drin in der Brühe. Und wenn du doch noch einen fängst, dann leuchtet der. Verstehste? Wir angeln immer am Kiessee. Der liegt hinter dem Wald. Vielleicht begegnen wir ja deinem Vater«, sagte er grinsend und griff noch mal in die Dose. »Schade, dass ihr nichts mehr zu trinken habt, und eure Kekse sind nun leider auch alle.« Er warf die Dose ins Gras, wo sie scheppernd aufschlug, und dann gingen sie grußlos den Deich hinunter zu ihren Fahrrädern. Ich sah ihnen nach und hörte dann hinter mir ein Würgen. Julius kniete neben seinem Stein und erbrach sich. Ich strich ihm über den Kopf, und er fragte: »Was waren das für Vögel?«

»Keine Ahnung, aber die werden ziemlich bald fliegen lernen«, sagte Sascha und sah den beiden nach, wie sie umständlich auf ihre Fahrräder stiegen und davonfuhren.

...

Weitere Informationen zur Verfilmung von „Was gewesen wäre“ finden Sie hier.