Ich aber bin hier geboren
Rowohlt Verlag (2002)
144 Seiten
ISBN: 3-498-06361-8
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Leseprobe: Titelgeschichte aus dem Erzählungsband
"Ich aber bin hier geboren"
Dieser Ort ist unwirklich, verstehen Sie? Er ist unwirklicher als das, was man am Potsdamer Platz in Berlin gebaut hat und auch unwirklicher als die City Nord in Hamburg, in der es nachts keine Menschen gibt, in einem Büroviertel mitten in der Stadt. Dieser Ort ist so unwirklich, weil er zum größten Teil der Vorstellung der Menschen entspricht, die hier wohnen und deren Wurzeln jahrhunderteweit zurückreichen. In meiner Jugend habe ich versucht, dagegen anzugehen, ich habe versucht, die Bewohner des Ortes zum Verstehen zu bewegen, bis ich sie verstanden habe. Ich habe sie an dem Tag verstanden, als sie 1962 den alten Hafen mitten im Ort zugeschüttet haben, um einen Parkplatz darauf zu bauen. Eine riesige graue Steinfläche, an deren Rand Altglascontainer stehen, hinter einer Hecke, so viel Scham haben sie hier. Dort, wo die Fischerboote anlegten und Holzpfähle mit einem Überzug aus bläulich-grünen Algen aus dem Wasser ragten, wo es ein ständiges Geräusch gab, wenn die Flut kam oder durch die Schreie der Möwen, dort ist jetzt Stille. Die Autos der Tagestouristen aus dem Ruhrgebiet oder aus Bayern, die in den Nachbarorten ihre Ferien verbringen, stehen da. Blaue, rote und grüne Punkte auf dem grauen Stein. Die zahlen dafür eine Mark pro Stunde und freuen sich, mitten im Ort zu stehen, verstehen Sie?
Was sie dann hier zu sehen bekommen, sind begradigte Straßen mit vielen neuen Häusern, bei denen man sich nicht einmal die Mühe gemacht hat, sich an die Gegend und ihre Vergangenheit zu halten. Statt des roten Backsteins nahmen sie Beton und klinkerten eine rote Schicht davor. Schon bei dem Wort vorgeklinkert läuft es mir kalt den Rücken runter.
Die Häuser hier waren klein und geduckt mit winzigen Fenstern. Das alles hatte seinen Grund, weil es hier den Sturm gibt und die Kälte und sich so ein geducktes Haus wehrt dagegen. Die neuen Häuser sind groß, mit vielen Zimmern, und die großen neuen Fenster haben immer noch Sprossen wie die alten, aber die liegen nur zur Zierde im Glas, wie Aal in Aspik. Die Feriengäste aus Köln, München und Hamburg mögen helle große Zimmer, aber sie mögen auch reetgedeckte Häuser, weil sich das so gehört hinter den Deichen, und deshalb haben die Leute hier Schilf auf ihre Betonhäuser gelegt.
Der Bürgermeister ließ auf dem kleinen Marktplatz einen Kreisverkehr anlegen, dem niemand folgt, nur die Kinder mit ihren Fahrrädern. Und dort, wo die alte Post stand, wurde ein Hotel gebaut, das mit seinen weißen Säulen und riesigen Balkonen nur in den Südstaaten der USA nicht auffallen würde. Auf den Fluren dieses Hotels werden die Lampen durch eine Lichtschranke angeschaltet, und Sie können sich vorstellen, wer davon begeistert ist.
Ich aber bin hier geboren. Und das erste Mal, dass mir etwas gefallen hat, war, als der Wirt des Hotels "Düne" vor ein paar Jahren hinten an das Gebäude eine Kneipe bauen ließ. "La Bodega" heißt sie, und es gibt spanische Gerichte und die Leute dürfen ganz gegen ihre Gewohnheit Erdnussschalen auf den Fußboden werfen. Die "Bodega" ist klein mit einem Tresen und ein paar Tischen, und sie hat mit Spanien etwa so viel zu tun, wie der Parkplatz mit einem alten Fischerhafen. Aber sie gefällt mir trotzdem, auch weil sie erst um vier Uhr morgens schließt. Meistens jedenfalls, wenn Thomas, der angestellte Wirt, es so lange aushält. Wenn ich also nachts um zwölf ein Bier trinken will, muss ich nicht in die Bar des Säulenhotels gehen, sondern kann hier sitzen, über Erdnussschalen, und friesisches Bier trinken.
Thomas ist hier gestrandet. Er ist Seemann, vielleicht der einzige echte Seemann im Ort. Ein schwuler Matrose mit sächsischem Akzent. Der, als sie in seiner Heimat auf die Mauer gestiegen sind, im Suezkanal war und weitergefahren ist nach Hongkong. Der Politoffizier der "Ernst Thälmann" schloss sich ein in seiner Kabine und ließ sich kaum noch sehen an Deck, und die DDR fuhr mit Thomas weiter auf diesem Schiff, und als sie wieder anlegten in Rostock, war das Geld in seinen Taschen schon Vergangenheit. Thomas nahm seine Heuer und stellte sich fortan hinter einen Tresen, weil das sicherer war als ein Schiff, und der Tresen in einer spanischen Kneipe in einem Nordseekurort gehört wahrscheinlich zu den sichersten Plätzen der Welt.
Aber es ist schwierig mit der Liebe für ihn. Und auch sonst langweilte er sich. Er wird weggehen in einem halben Jahr, und im Gegensatz zu manch anderem, der hier davon redet wegzugehen, nach Hamburg, Berlin oder Köln, glaube ich ihm das, denn er ist erst achtundzwanzig und hat Erfahrung im Weggehen. Auch ich habe das versucht mit Berlin. Ein halbes Jahr. Ich glaube, die meisten gehen hier wegen der Liebe weg. Sie hoffen, dass es leichter wird, wenn es größer wird. Ich aber bin hier geboren. Ich habe das mitgeschleppt nach Kreuzberg im Jahr 1970. Und so merkwürdig das vielleicht klingt, ich habe das alles hier vermisst. Nicht gerade den Beton, sondern eher ein Gefühl, ein Gefühl vom Mond über den Deichen, verstehen Sie?
Zwei hier sind den umgekehrten Weg gegangen. Aus den großen Städten an die Nordsee. Richard und Johannes. Der eine kam freiwillig und der andere durch die Schulbehörde.
Richard zog in das Haus seiner Großmutter. Ein altes Backsteinhaus mit einem wilden Garten, und Sie sehen schon, dass ich manchmal übertreibe. Es gibt noch alte Häuser hier. Richards Haus ist eines davon, vielleicht sogar das schönste. Ich kenne ihn noch aus der Zeit, als er seine Großmutter besuchte in den sechziger Jahren. Ein hibbeliges Kind, das immer zu schnell war für die einheimischen Kinder, zu schnell und zu laut. Dann kam er lange Zeit nicht mehr. Er soll in Berlin gesessen haben in den Cafés und Bars, und seine Hauptbeschäftigung soll es gewesen sein, schön auszusehen. Verstehen Sie mich nicht falsch, ich weiß das natürlich nicht genau, so etwas hört man nur, aber ich kann es mir vorstellen. Ende der achtziger Jahre kam er hierher. Seine Großmutter war gestorben, und Richard zog in ihr Haus und pachtete eine Kneipe im Nachbarort. Verkaufte Schollen im Mai und Matjes im Sommer. Er arbeitete bis in den Herbst, und im Winter servierte er seinen Gästen an manchen Wochenenden Grünkohl mit Pinkel. Den Rest der Zeit verbrachte er im Haus hinter geschlossenen Fensterläden. Er betreibt das Restaurant immer noch, und ich weiß nicht, wie viel Schulden er gemacht hat und ob er sie beglichen hat. In letzter Zeit redet er davon, aber Sie wissen ja, was so etwas heißt.
Er kam damals mit Frau und Kind, einer schönen Frau und einem stillen Kind. Beide zogen nach Wilhelmshaven ein paar Jahre später. Aber sie arbeitet immer noch in seinem Restaurant, seine schöne Frau, und auch seine spätere Freundin ist dort geblieben, obwohl sie ihn verlassen hat. Sie reden beide nicht mit ihm, sie zischen nur. Und er stolpert durch die Küche und durch das Restaurant, und macht es nicht falsch. Er macht es nur nicht richtig, ihm fehlt ein Stück dazu.
"Ich finde diese Kneipe doof", sagt Richard, wenn er in die "Bodega" kommt, und sitzt trotzdem jede Nacht dort. Sein Restaurant schließt gegen zehn, und dann dreht er hier eine richtige Runde. Er beginnt in der "Düne", geht rüber ins "Leuchtfeuer", dann zum "Strand" und endet in der "Bodega". Er ist immer der Letzte, der geht. Johannes kommt seltener. Er wohnt in einem dieser scheußlichen neuen Häuser am Ortsrand. "Der Schwate" sagen die Leute, wenn sie über ihn reden. Sie reden mehr über ihn, als mit ihm. Johannes trägt nur schwarze Kleidung. Der Rahmen seiner Brille ist schwarz, sein alter Opel Kadett ist schwarz und auch die Wände seiner Wohnung, die Möbel, die Bettwäsche, alles ist schwarz. Auch wenn kaum ein Einwohner das mit eigenen Augen gesehen hat, es beflügelt ihre Fantasie. "Schwarze Messen" gebe es im Dornenweg mit den Schülern, die Johannes in Mathematik und Physik unterrichtet. Ich weiß nicht, wie genau solche Gerüchte entstehen, aber sie entstehen zwangsläufig, verstehen Sie?
Sie mögen ihn trotzdem im Ort. Auch wenn sie nicht viel mit ihm reden. Das gehört zu den Leuten hier. Auch Richard mögen sie. Sie regen sich über seinen verwilderten Garten auf, über die Hecke, die geschnitten werden müsste, oder den ungemähten Rasen. Aber wenn er sich zu ihnen setzt oder sie im Ort trifft, dann reden sie mit ihm. Es ist leichter mit ihm als mit Johannes, weil Richard gern redet, besonders wenn er trinkt.
Thomas hält für Johannes einen speziellen Wein in der "Bodega" bereit. Er wurde extra bestellt. Johannes hat einen riesigen Weinkeller, das heißt eigentlich habe ich ihn, und daher kenne ich Johannes auch. Die wenigsten Häuser besitzen einen Keller, weil das Grundwasser zu hoch ist, und das scheußliche Haus, in dem Johannes wohnt, hat auch keinen. Er mietete vor Jahren meinen Keller für seine Weine. Manchmal fährt er nach Hamburg auf Weinauktionen oder er läßt sich Kisten von Händlern schicken. In meinem Keller sind die Regale voll bis unter die Decke mit Weinen aus Italien und Süddeutschland. Keine französischen oder spanischen. "Man muss sich entscheiden", sagt Johannes. "Es gibt zu viel Wein, also muss man sich entscheiden."
Wenn er in die "Bodega" kommt, dann früher als Richard. Er setzt sich in die hinterste Ecke am Tresen und Thomas bringt ihm ein Glas seines Weins. Wenn Richard kommt, dann geht er nie direkt zu Johannes. Er macht auch in der "Bodega" eine Runde. Er schlägt auf Schultern und erzählt von seinem Tagesumsatz. Erst zum Schluss steht er bei Johannes. Die beiden sind Freunde, auch wenn sie selber das nie so sagen würden, verstehen Sie?
"Du spinnst doch mit deinem Wein", sagt Richard mindestens einmal am Abend, und Johannes antwortet: "Wenn du meinst." Aber auch Richard hat Wein für Johannes besorgt. Genau wie Thomas. Denn immer dann, wenn Johannes in der "Bodega" ist und Thomas den Laden schließt, sagt Richard vor seinem Haus: "Komm, lass uns noch ein Glas trinken." Er sagt das, als würde er es zum ersten Mal sagen, und Johannes geht immer mit. Auch ich setze mich manchmal dazu. Es bleibt nie bei diesem einen Glas. Erst wenn die Flasche leer ist, sind diese Nächte zu Ende, und Richard hat geredet. Hat die Thesen, die er aufgestellt hat in der "Bodega", über die Liebe, über Politik oder Literatur wiederholt oder behauptet, an seinem Küchentisch sitzend, das Gegenteil, so als hätte er das schon immer gesagt, und Johannes steigt darauf ein und diskutiert mit ihm. Selbst wenn Richard völlig betrunken ist, gibt Johannes nicht auf, und das ist es, was ich mit Freundschaft meine.
In den wirklich guten Nächten setzt Richard sich an das verstimmte Klavier seiner Großmutter im Nebenzimmer und spielt Elton John, und Johannes und ich gehen, ohne uns zu verabschieden. Wir hören ihn noch draußen spielen. Ich glaube, er hat Angst vor dem Schlaf, vor seinem riesigen leeren Bett, vor den Träumen. Ich glaube, deshalb hat er diesen Wein gekauft, um das alles rauszuzögern, verstehen Sie?
Richard geht nie zu Johannes. Ich tue das manchmal. An Sonntagen klingle ich an seiner Tür und gehe vorbei an schwarzen Wänden, durch schwarze Türen. Johannes trägt an diesen Sonntagen einen Morgenmantel und einen Schlafanzug, beides schwarz. Er serviert mir Espresso und wir sitzen vor der Panoramascheibe in seinem Wohnzimmer und hören klassische Musik. Wenn Johannes Besuch bekommt von Freunden und kocht, mehrere Gänge, zu denen es die ausgesuchten Weine aus meinem Keller gibt, auch dann lädt er mich manchmal ein. Es kommt selten vor, und Johannes redet mit seinen Freunden vor allem über das Studium und über die Arbeit. Ich kennt ihn trotzdem kaum. Er redet nicht darüber, was in ihm vorgeht. Es ist wenig bekannt von ihm.
Ich aber bin hier geboren und jeder weiß, dass meine Mutter bei einem Autounfall ums Leben gekommen ist und dass mein Vater, zwei Tage bevor er sich erhängte, nur mit einem Schlafanzug bekleidet in seinem Auto durch Friesland fuhr, auf der Flucht vor ich weiß nicht wem. Selbst die "Wilhelmshavener Zeitung" brachte die Meldung von dem verwirrten alten Mann auf Seite eins. Und dass meine Frau und meine Kinder zwei Häuser neben mir wohnen bei einem anderen Mann, das weiß natürlich auch jeder. Manchmal würde ich mir wünschen, vor Johannes Panoramafenster etwas über ihn zu erfahren, aber mir reicht es auch, nur dort zu sitzen. Richard sagt, ihn würde das langweilen, obwohl er noch nie bei Johannes war.
In den Schulferien fährt Johannes in den Urlaub. Besucht Freunde und deren Familien in Hamburg, oder er fährt mit dem Auto nach Italien. Er wurde Anfang der achtziger Jahre hierher geschickt und hat dann mehrere Anträge gestellt, um nach Hamburg versetzt zu werden oder wenigstens nach Kiel. Aber die Gesetze sind so, dass ein kinderloser unverheirateter Lehrer dort bleiben muss, wo die Schulbehörde es will. Inzwischen hat sich Johannes damit abgefunden, verstehen Sie?
Richard fährt nie in den Urlaub. Nur im Winter, wenn sein Restaurant geschlossen ist, verschwindet er manchmal für eine Woche. Niemand weiß dann, wo er ist. Auch wenn er viel redet, darüber spricht er nie. Er verschwindet, und genauso plötzlich ist er wieder da, als sei er nie weg gewesen.
Im Sommer letzten Jahres ist sie dann gekommen. Marlene. An so einem "Bodega"-Abend, spät in der Nacht. Richard saß schon neben Johannes. Sie redeten über den "Faust", eines von Richards Lieblingsthemen. Ich weiß nicht, wie oft sie schon darüber gesprochen haben. Darüber, ob die Figur des Mephisto oder die des Faust besser in die heutige Zeit passt. Wer von beiden gut oder böse ist und was gut oder böse überhaupt bedeutet. Johannes antwortet Richard mit einem Ernst, der mich amüsiert. Er weiß natürlich inzwischen, dass Richard den zweiten Teil des "Faust" nie gelesen hat, und auch, dass der erste Teil in seinem Hirn schon relativ verschüttet ist. Ich stand neben den beiden und Thomas saß auf der anderen Seite des Tresens auf einem Barhocker, zupfte ab und zu an seinem roten Halstuch und lachte kopfschüttelnd. In der "Bodega" war außer uns niemand mehr.
Die Tür ging auf, und dieses blonde Mädchen betrat die Kneipe. Sie trug ein geringeltes T-Shirt, unter dem eine kleine, feste Brust zu sehen war, hochgekrempelte Bluejeans und Espandrillos. Richard und Johannes verstummten, und Thomas stand auf und begrüßte das Mädchen. Küßchen rechts, Küßchen links, "Hallo Marlene". Wir sahen sie an. Ich wußte, dass sie seit drei Tagen als Kellnerin im Hotel "Düne" arbeitete, und ich wußte auch, dass Richard und Johannes das wußten. Niemand arbeitet hier drei Tage im Ort, ohne dass die Einwohner das erfahren. Schon gar nicht, wenn es so ein Mädchen ist. Verstehen Sie mich nicht falsch, aber solche Frauen kommen hier normalerweise nicht her.
Die einzigen Frauen in diesem Alter wohnen ein paar Wochen im Heim des Müttergenesungswerks oder sie kommen für ein Wochenende mit einer Freundin aus Hamburg. Sie verbringen ein paar Tage am Strand, und am zweiten Abend kommen ihre Freunde mit Surfbrettern auf dem Autodach.
Thomas stellte uns vor. "Die sind zwar ein bisschen wahnsinnig", sagte er, "aber auch ganz lustig." Richard lachte, und man konnte seine Zähne dabei sehen. "Ich bin Richard", sagte er und zeigte mit der rechten Hand auf sich. Johannes sagte: "Hallo", und auch ich gab dem Mädchen die Hand. Johannes fragte, ob er sie zu einem Glas Wein einladen dürfte, und Richard lachte wieder durch die ganze Kneipe: "Hohoho, von dem Teuren." Marlene nickte, ließ sich von Thomas ein Glas von dem italienischen Rotwein eingießen, nippte daran und sagte: "Gut, aber ich wollte euer Gespräch nicht unterbrechen." Richard winkte ab: "Da gibt es nicht viel zu unterbrechen."
"Worüber habt ihr gesprochen", fragte Marlene, und als ich antwortete: "Über Goethes Faust", sagte Richard, ohne mich anzusehen, "Der Kulturfuzzi hält jetzt bitte mal die Fresse." Er nimmt mir meinen Job bei der Ortsverwaltung übel. Ich arbeite dort im Referat Kultur und organisiere Kurkonzerte und solche Dinge. Ich habe weiß Gott von etwas anderem geträumt, aber Richard gönnt mir das regelmäßige Einkommen nicht. "Staatskohle für Platzkonzerte", sagt er.
Wir tranken mit ihr bis zum Morgengrauen, und als Richard später vor seinem Haus sagte: "Jetzt trinken wir aber noch ein Glas", und alle mitgingen, auch Johannes, obwohl er ein paar Stunden später in Jever unterrichten musste, da wußte ich, dass die beiden dieses Mädchen nicht verkraften würden. Nicht so leicht. Johannes ist ein disziplinierter Mann und normalerweise hätte er schon im Bett gelegen, doch er ging mit und trank mit uns, und Richard setzte sich ans Klavier und sang "Your song", und Marlene stimmte ein und auch Johannes summte mit. Ich habe ihn noch nie summen hören, obwohl er mehr von Musik versteht als wir alle. Wir tranken noch zwei Flaschen Wein, und als Marlene, Thomas, Johannes und ich gingen, konnten wir Richard singen hören, und es klang, als würde er nie mehr damit aufhören.
Das war der Anfang. Es war kein besonders guter Sommer im letzten Jahr. Richard hatte wenig Gäste, Johannes' Sommerferien begannen, und für mich war die Arbeit wie jedes Jahr. Die Kurgäste wollen unterhalten werden, egal, wie viele es sind. Ich sah die beiden seltener, wie immer im Sommer. Aber ich wußte, dass Richard mit Marlene am Strand lag und mit ihr nach Amrum fuhr. Ich erfuhr, dass er sein kleines schäbiges Segelboot, das vor seinem Haus lag und seit Jahren nicht mehr im Wasser war, "Marlene" taufte und wirklich daran arbeitete, es seetauglich zu machen. Und ich hörte, dass seine beiden Frauen im Restaurant wütend waren, weil Richard sich seltener blicken ließ, und dass sie nicht mal mehr mit ihm zischten und alle Fragen nach ihm mit einer Handbewegung beantworteten.
Auch für Johannes verlief der Sommer ungewohnt. Er fuhr nicht in den Urlaub, wie sonst, und auch wenn er nicht so weit ging, sich an den Strand zu legen, es war merkwürdig, ihn zu dieser Jahreszeit hier zu wissen. Er fuhr mit Marlene in Restaurants nach Jever und Wilhelmshaven und besuchte mit ihr klassische Konzerte in Hamburg. Er saß mit Richard jetzt fast täglich in der "Bodega".
Über Marlene war wenig zu erfahren. Thomas erzählte, dass sie Schauspiel studierte in München und hier das Geld für das Studium verdiente. Auf weitere Nachfragen antwortete er: "Fragt sie doch selber", was niemand tat, jedenfalls niemand von den Einheimischen, sonst wüsste ich davon. Sicher, es gab Gerede, aber das war nicht anders zu erwarten, und was Richard und Johannes über das Mädchen erfuhren, weiß ich bis heute nicht.
Der Sommer verging. Der Sommernachtsball Ende August ist für mich das Ende der Saison. Ich muss ihn organisieren. Eine Band, Bestuhlung für den Kursaal, Speisen und Getränke. Ich verschicke Einladungen bis nach Hamburg und Kiel und denke dabei an den Herbst.
Richard bestellte den Tisch. Ich muss wohl nicht erwähnen, dass sowohl er als auch Johannes noch nie beim Sommernachtsball waren. Ich wäre nicht mal auf die Idee gekommen, sie einzuladen. "Wir hätten gerne einen schönen Tisch für den Ball", sagte Richard zu mir, als würde er mit einem Minister sprechen. "Wer sind wir?", fragte ich erstaunt. Und Richard zog die Augenbrauen hoch und sagte: "Na, wir drei."
"Sollt ihr haben, Richard. Sollt ihr haben", sagte ich, obwohl ich kein gutes Gefühl dabei hatte. Der Tage, an dem der Ball stattfindet, ist besonders anstrengend für mich. Diesmal war es ein schwüler Sommertag, und ich überwachte ab dem frühen Morgen die Arbeiten im Kurhaus. Es wurde ein Ball wie immer. Der Bürgermeister hielt eine von seinen gefürchteten langatmigen Reden und ein Kurgast, der seit Jahrzehnten hierher kommt, schloss sich mit einer spontanen, keinesfalls interessanteren Dankesrede an. Die Band spielte ab acht deutsche Schlager, und ich saß am Prominententisch und musste die Gespräche über die Tourismusbranche in Friesland anhören.
Ich hatte den Dreien einen Tisch in meiner Nähe gegeben. Natürlich wollte ich sie beobachten. Marlene trug ein rotes kurzes Kleid, Richard hatte aus einem seiner Schränke tatsächlich ein gebügeltes Hemd hervorgekramt, und Johannes hatte für seine schwarzen Klamotten endlich einmal einen Rahmen gefunden. Beide tanzten abwechselnd mit Marlene, und wenn sie am Tisch saßen, dann fasste Marlene Richard und Johannes ab und zu um die Schultern, zog sie zu sich heran, sagte etwas, und dann lachten sie alle drei. Ich glaube, sie waren die Einzigen, die lachten. Die so lachten, verstehen Sie?
Später tanzte ich einmal mit Marlene, und ich genoss es, sie im Arm zu halten und ihren Körper an meinem zu spüren. "Gefällt es dir denn?", fragte ich sie, und sie lächelte und sagte: "Ja, es ist sehr schön."
Gegen eins hörte die Band auf zu spielen und der Saal leerte sich schnell. Mein Bürgermeister hatte beschlossen, sich zu betrinken und außerdem dass ich ihm dabei Gesellschaft zu leisten hatte. "Tolles Fest", sagte er immer wieder und schlug mir auf die Schulter. Ich sah das abgegessene Buffet, die dreckigen Tischdecken und die leeren Weingläser. Die Kellner saßen an einem Tisch und rauchten. Sie sahen erledigt aus. Richard stand auf und setzte sich an das verwaiste Keyboard und spielte "Candle in the wind". Der Bürgermeister sagte mit schwerer Zunge "Suffkopp" und dann verließen die drei den Saal, Marlene in der Mitte, jeweils einen Arm um die Männer gelegt.
Sie verschwand. Marlene verschwand, genau so wie sie gekommen war und wie es zu erwarten gewesen ist. Ich bemerkte es daran, dass ich Richard und Johannes nicht mehr in der "Bodega" sah. "Ist sie weg", fragte ich Thomas, und der zog die Schultern hoch und nickte grinsend. Die beiden blieben verschwunden. Ich sah sie manchmal auf der Straße, aber sie kamen nicht mehr in die "Bodega". Das ging über Wochen, bis Weihnachten.
Als meine Frau noch bei mir wohnte und nicht bei meinem Nachbarn, schickte sie mich einmal am Heiligen Abend los, um die beiden zum Essen einzulade. Nicht, dass sie Richard und Johannes besonders mochte, sie ertrug nur den Gedanken nicht, dass die beiden Männer an diesem Abend alleine waren. Sie kamen, und seitdem verbrachten sie jedes Jahr bei uns. Meine Frau verlässt jetzt zu Weihnachten mit meinem Nachbarn den Ort und nimmt auch meine Kinder mit. Ich habe Johannes und Richard trotzdem weiter eingeladen. Es ist dabei geblieben. Am Nachmittag gehe ich bei ihnen vorbei und sage, dass ich eine Gans im Ofen habe, und Richard sagt: "'ne richtige schöne Gans?", und Johannes sagt: "Ja gern. Wir können auch von meinem Wein trinken." Auch in diesem Jahr beließ ich es dabei und war gespannt, ob sie kommen würden. Sie kamen.
Ich hatte einen Baum gekauft und geschmückt und den Kamin in der Diele beheizt. Ich hätte sie gern nach Marlene gefragt, aber ich habe es gelassen. Sie redeten beide nicht viel. Wir tranken und sahen in das Kaminfeuer und hörten das "Weihnachtsoratorium". Nach Mitternacht waren Johannes' Flaschen geleert und Richard sagte: "Aber eine können wir doch noch trinken." Johannes sah ihn an und sagte: "Aber dann trinken wir nichts mehr in deiner Küche", und Richard antwortete: "Du brauchst bei mir nichts mehr zu trinken. Du wirst gar nicht so weit kommen, weil ich dich nämlich draußen zusammenschlagen werde." Für einen Moment war es still, und dann lachte Richard laut, und Johannes lachte noch eine Weile leise mit. Er ging in meinen Keller und holte noch eine Flasche Wein, und als er sie oben entkorkte, sagte Richard: "Wir sollten unsere Seelen verkaufen", und ich war froh, weil ich wusste, dass jetzt der "Faust" kommen würde.
Als sie Stunden später gingen, stand ich am Fenster und sah ihnen nach. Richard legte seinen Arm um Johannes' Schulter. Das hatte ich noch nie gesehen. So gingen sie den Hafenweg entlang, der eigentlich Parkplatzweg heißen müsste. Ich dachte daran, dass die beiden hierher gekommen sind, und wenn sie irgendwann nicht mehr da sein werden, dann wird von ihnen nichts bleiben außer ein paar Geschichten, die sich die Leute im Ort erzählen. Ich mochte die Leichtigkeit dieses Gedankens, denn ich, ich bin hier geboren.

