Abwesend
Wallstein Verlag (2007)
156 Seiten
ISBN-10: 3-8353-0143-8
ISBN-13: 978-3-8353-0143-6
Hardcover bestellen!
Taschenbuch bei BTB (2009)
160 Seiten
ISBN: 978-3-442-73832-8

Taschenbuch bestellen!

Trennlinie

Leseprobe: Kapitel 1 aus dem Roman "Abwesend"

Ich habe nie daran gedacht, meinen Vater zu töten. Es ist mir in diesen Tagen des vergangenen Sommers nicht in den Sinn gekommen, keine Sekunde lang. Erst meine Mutter führt mir die Möglichkeit vor Augen.

Sie zeigt mir dabei ihre Urlaubsfotos. Es ist später Nachmittag, kurz vor der Dämmerung, die Dunkelheit steht schon im Wald, und eine feuchte Kühle ist zu spüren vom See her. Das Grundstück sieht gut aus, akkurat, man sieht nicht die fehlende Hand meines Vaters. Es sieht auf eine Art sogar eleganter aus als zu der Zeit, in der sich ausschließlich mein Vater um den Garten kümmerte und nicht irgendein Frührentner unter der Aufsicht meiner Mutter. Der Rasen zieht sich kurz geschnitten bis zu der kleinen schulterhohen Mauer, die die Grenze zum Wald markiert. Blüten sind hochgebunden, und die Rabatten an den Rändern erscheinen mir reduziert. In der Mitte leuchtet der Swimmingpool türkis. Das Wasser ist noch nicht abgelassen. Es ist September, wir sitzen an der Südseite des Hauses auf der Terrasse. Die Markise ist heruntergelassen, gelbweiße Streifen über unseren Köpfen.

Sie sieht von einem Foto hoch, das sie und ihre Freundin Kelly vor einer Höhle auf Lanzerote zeigt, und ich denke in diesem Moment gerade darüber nach, wer es wohl geschossen haben mag, dieses Foto. Meine Mutter hat sicher niemanden darum gebeten, jedenfalls kann ich mir das nicht vorstellen. Ich kann mir überhaupt ihre Reisen mit Kelly oder irgendwem nicht vorstellen. Ohne meinen Vater. Sie hat auf diesem Bild einen Strohhut auf, den sie an der Krempe festhält, so als ob ein starker Wind weht. Ihre grauen, leicht welligen Haare sind zu einem Zopf gebunden, der ihr über die braungebrannten Schultern fällt. Sie sieht klein und schmal aus in Jeans und T-Shirt, kleiner und schmaler, als sie in Wirklichkeit ist, was an Kelly liegt, die auf diesem Foto neben ihr zu sehen ist, groß und wuchtig, man glaubt fast, den mächtigen Busen beben zu sehen, während sie meine Mutter an sich drückt und lacht. Die lächelt nur, und ihr Blick geht links an der Kamera vorbei, so als hätte sie den Fotografen noch kurz zuvor angesehen und jetzt wäre ihr die ganze Sache peinlich. Aber auch sie sieht zufrieden aus auf diesem Bild, glücklich, erholt, entspannt. Vielleicht denkt meine Mutter dies alles auch über sich selbst, als sie mich ansieht und sagt: "Ich dachte, du bringst ihn um."

Ich weiß sofort, wen sie meint. So überraschend das ist, was sie sagt, es ist doch eindeutig und klar für mich, wovon sie spricht, mit diesem einen Satz und aus dem Nichts heraus, nachdem wir vorher eine halbe Stunde lang über die Kanarischen Inseln geredet haben. Ich sage nichts, und sie legt mir die rechte Hand auf den Arm. Der breite goldene Ehering daran. "Wilhelm 12. 11. 1960" steht darin. Ich habe es als Kind oft gelesen, wenn sie den Ring ablegte, weil sie abwusch oder die Wäsche machte. Er war groß und schwer, und er bedeutete etwas, das wußte ich schon damals. Sie sagt: "Entschuldige, es ist nicht so gemeint."

Sie zieht die Hand zurück und schüttelt den Kopf, als würde sie sich über das, was sie gesagt hat, selber wundern. Das ist nicht so, das weiß ich, und so frage ich sie, vielleicht ein wenig um Fassung ringend: "Wie ist es dann gemeint?" Sie sieht mich an und greift nach ihrer Zigarettenschachtel. Langsam klappt sie den Deckel zurück und zieht eine Zigarette heraus, klopft sie auf den Tisch vor sich und sieht auf den Filter. So als müsse sie sich genau überlegen, was jetzt zu sagen ist. Ich kenne dies von unzähligen Zigaretten in den letzten drei Jahrzehnten und warte. Sie zündet sie an und sagt dann, während sie den Rauch ausstößt: "Ich bin noch nicht so oft in den Urlaub gefahren. Und du hast noch nie auf Wilhelm aufpassen müssen bis dahin. Das haben immer Astrid oder Gerd gemacht. Und dann warst du auch so angeschlagen von deiner Sache da in Berlin. Ich lag neben der dicken Kelly auf weißen Laken und mußte mir immer vorstellen, wie du ihn in den Pool kippst. Oder ihm ein Kissen auf das Gesicht drückst. Diese Bilder kamen von ganz allein. Einmal habe ich sogar davon geträumt und bin aufgewacht. Hochgeschreckt. So was passiert mir doch sonst nicht." Sie zieht noch einmal an der Zigarette und schüttelt dann wieder den Kopf, wie vorher. "Lassen wir es dabei."

Ich stehe auf und trinke in der Küche ein Glas Wasser. "Lassen wir es dabei." Mich würde es schon interessieren, warum meine Mutter mir zutraut, meinen eigenen Vater umzubringen. Ob es um Erlösung ging, Erlösung für ihn, und wenn nicht, was sie sonst dazu brachte, mir so etwas zuzutrauen. Durch das Küchenfenster kann ich sie sehen, wie sie sich langsam die Sonnenbrille auf die Nase schiebt, die Hand mit der Zigarette hängt über der Armlehne, und sie sieht in den Garten. Sie kann jetzt Stunden so dasitzen. Die Zigarette würde langsam ausgehen, irgendwann, und sie würde den Stummel erst dann in den Aschenbecher werfen, wenn sie aus diesem tranceartigen Zustand wieder erwacht. Sie raucht ein bis zwei Zigaretten am Tag, solange ich denken kann. Manchmal, bei Festen, etwas mehr, aber eigentlich nur diese ein bis zwei. Nikotin gegen meinen Vater, der dies haßt, und auch wenn er es jetzt kaum noch registriert, raucht meine Mutter weiter. Sie würde es auch abstreiten, daß ihr Mann irgend etwas mit diesen Zigaretten zu tun hat.

Langsam trinke ich noch ein Glas Wasser, spüle es dann aus und stelle es verkehrt herum in das zweite Chrombecken. Es wird dort nicht lange stehen, nichts steht lange dort, meine Mutter wird es später kurz trocknen und dann an den vorgesehenen Platz stellen. Dieses Haus ist sauber. Es glänzt fast von innen. Die Küche ist noch einmal aufgerüstet worden vor fünf Jahren mit neuen Schränken, Spülmaschine, Kühlschrank und so weiter. Dieses Haus steht meinetwegen.

So wurde es mir immer wieder erzählt, dies ist dein Haus, Chris, oder Christoph, je nachdem, wer es sagte, und es sagten alle immer mal wieder. Mein Vater, meine Mutter, meine Schwester, mein Bruder. Es wurde gebaut, weil ich auf die Welt kam, verspätet und nicht geplant.

Bis dahin hatte meine Familie in der Schliemannstraße gewohnt, in einer Dreizimmerwohnung am Rande der Schelfstadt, und ich glaube niemals, daß ich der Grund für diesen Hausbau war, nie und nimmer. Aber ich habe es sehr lange geglaubt.

Ich wurde am 18. Mai 1971 geboren, einem strahlenden Frühlingstag, wie meine Mutter nicht müde wird zu betonen. Auf die Welt gekommen als drittes Kind von Wilhelm und Viktoria Radtke, nicht eingeplant, und vielleicht nur aus Übermut gezeugt, aus Freude über einen Bauplatz am Kalkwerderring im Schloßgarten der Bezirkshauptstadt Schwerin. Mein Vater schaffte es, das Haus an meinem Geburtstag bezugsfertig zu haben, und als meine Mutter eine Woche später mit mir auf dem Arm nach Hause gebracht wurde, hatte er auch den Umzug bewerkstelligt. Ich war ganz in weiß gekleidet, mein Gesicht war etwas verknautscht, aber ich habe selbstverständlich so ausgesehen, als wäre ich zufrieden.

Der Garten war noch nicht angelegt und auch der Pool noch nicht gegraben. Mein Vater hatte in zwölf Monaten die Vorteile seines Parteibuchs und die Beziehungen seiner Schwiegereltern genutzt. Er hatte Handwerker bestochen, seine Studenten zu freiwilligen Arbeitseinsätzen bewegen können und die Armaturen im Bad mit Westgeld bezahlt. Von der kleinen Küche aus kann man hinter der Durchreiche das Eßzimmer sehen, an das sich, von einer Schiebetür getrennt, das Wohnzimmer anschließt, das eigentlich Fernsehzimmer heißen sollte, denn einen anderen Zweck hat es nicht. Beide Zimmer sind vollständig mit Möbeln ausgekleidet, die knapp unter der Fensterbretthöhe an den Wänden stehen. Eine Anfertigung meines Tischleronkels, der für das Furnier amerikanischen Nußbaum nahm. Ich weiß nicht, ob Nußbaumholz in Amerika so aussieht, die Schiebetür ist ein wenig rötlicher als die Möbel. Am Lieferungstag dürften meine Eltern zu einer kleinen Schar von Schwerinern gehört haben, die in angefertigten Möbeln wohnten.

Die Beziehung meiner Eltern begann im strömenden Regen. Auf einem Parkplatz in Dorf Mecklenburg, einem kleinen Kaff zwischen Wismar und Schwerin. Eine Mühle steht dort, die in den sechziger Jahren zu einem Restaurant ausgebaut wurde. Meine Eltern sind nicht besonders sentimental, aber wir haben später oft dort gehalten, wegen des guten Essens in der Bauernstube und wohl auch, weil dieser Ort der Beginn von allem war. Mir gefiel es in Dorf Mecklenburg, weil es ein paar kleine Käfige gab hinter der Mühle, in denen Schweine gehalten wurden, ein alter Bernhardiner und ein Pfau. Wir Kinder konnten dorthin laufen und uns die Tiere ansehen, während die Eltern nach dem Essen einen Kaffee tranken. Hielten wir nicht, so wurde doch, und das wurde nie vergessen, auf der Höhe der Mühle gehupt.
Mein Vater wartete damals auf diesem Parkplatz mit einem Kommilitonen, der meine Mutter kannte und angerufen hatte, mit der Bitte, sie hier abzuholen. Beide waren kurz vor dem Abschluß ihres Bauingenieurstudiums an der Universität Rostock, die später nach dem Tischler und ersten Präsidenten der DDR, Wilhelm Pieck, benannt werden sollte.

Man kann ihr Verhältnis fast auf diesen Abend reduzieren, denke ich. Sie, die ihn abholt, eine Frau Anfang zwanzig, gutaussehend, mit einem Führerschein in Mecklenburg, 1959. Sie, die dachte: "Was ist denn das für ein Notkonfirmand", weil er schmal aussah von einer Tbc vor Jahren und das Sakko, das er trug, eine Nummer zu groß war. Und er, der Flüchtlingsjunge aus Pommern, der mitgenommen wurde von diesem Mädchen in eine schmale Gasse in der Schweriner Altstadt, in den Tappenhagen. In ein uraltes Haus, dessen Fassade mit roten Dachziegeln verkleidet war, gegenüber dem Kulissenhaus des Theaters und neben dem Museum. Alles steht hier auf Pfählen, in diesem Teil der Stadt, selbst das Schloß steht auf Pfählen. Er muß reingekommen sein in diese keineswegs luxuriöse Zweizimmerwohnung mit schiefen Fenstern, großer Küche und einem Bad. Es gab noch Mansarden unter dem Dach und eine zweite Wohnung im Erdgeschoß. Einen Garten nach hinten raus mit Hühnern, Kaninchen und Gemüse. Und das Haus gehörte ihnen, das zählte noch 1959, und meine Urgroßmutter hatte es zweimal gekauft in der Inflation. Hatte sich übers Ohr hauen lassen beim ersten Mal, und der Preis stieg in wenigen Wochen um Millionen. Ich bin sicher, daß er auch diese Geschichte gleich am ersten Abend hörte.

Er fand hier das, was ihm fehlte, dort in einer Runde um den Eichentisch in Sesseln und auf Stühlen. Die Urgroßeltern, die Großmutter, die Schwestern meiner Mutter mit ihren Ehemännern, und sogar der verstorbene ältere Bruder meiner Mutter, der Haus- und Geschäftserbe, der beim Baden ertrank im Alter von neunzehn Jahren und heute noch von allen Bubchen genannt wird, saß irgendwie mit am Tisch. Mein Vater war angekommen. Hier gab es eine Familie und Geld oder wenigstens viel zu essen, Autos und ein Ferienhaus in Kühlungsborn an der Ostsee, das Haus im Tappenhagen und die Samenfachhandlung in der Wittenburgerstraße. Die Partei, der er ein Jahr zuvor beigetreten war, hatte all dies gebrandmarkt, aber ihm gefiel es, da bin ich sicher. Also griff er zu, noch an diesem Abend. Nach ein paar Runden Schnaps und Bier trank er Brüderschaft mit meiner Mutter, die sich zierte und ihn nur durch die Zellophanhülle einer Pralinenschachtel küssen wollte. Aber kurz vorher schloß sie die Augen, und er zog die Folie schnell weg und drückte seinen Lippen auf ihre. Das gefiel ihr, auch wenn sie das Gegenteil äußerte.

So war es, und sie schloß die Augen und er eben nicht.

Ich gehe zurück auf die Terrasse und hole meine Mutter aus ihrem Tagtraum mit einer Berührung an der Schulter. Sie lächelt und nimmt die Sonnenbrille ab. "Ich mußte gerade an ein kleines Restaurant im Norden von Lanzerote denken. Das hätte dir gefallen. Direkt am Meer, und Zicklein haben sie serviert, als Spezialität." Sie wechselt das Thema auf ihre sanfte Art, die Widerspruch nicht zuläßt. Kein Wort mehr von einem absurden Mord an ihrem Ehemann. Letztendlich will sie nicht über meinen Vater sprechen. Ich habe noch nie wirklich mit ihr darüber gesprochen.

Es war Astrid, die mich in Berlin anrief, um mir mitzuteilen, daß mein Vater einen zweiten Schlaganfall bekommen hatte. Drei Jahre nach seiner Emeritierung und ein halbes Jahr nach dem ersten, leichteren. Er war gerade auf dem Wege der Besserung, lief schon wieder durch das Haus und den Garten und versuchte, die leichte halbseitige Lähmung zu bekämpfen oder wenigstens zu überspielen. Er trödelte mit meiner Mutter durch den Tag, und sie brauchte ihn an seine Übungen und Medikamente nicht zu erinnern. Sie planten Urlaubsreisen und seinen Geburtstag, und es sah so aus, als würde es wieder so, wie es war. Fast so. Als hätten sie noch Zeit.

Astrid schnaufte, bevor sie sprach, und weinte, während sie redete. Es war kaum etwas zu verstehen aus dem Gestammel, das sie hervorbrachte, aus all dem "Chris, es ist so schrecklich!", "Chris, ich glaube es immer noch nicht".

Astrid ist das älteste Kind, das Wunschkind meiner Eltern. Sie ist zehn Jahre älter als ich, groß und etwas dicklich, wie alle Frauen aus der Familie meiner Mutter, mit Ausnahme meiner Mutter, die durch äußerste Disziplin verhindert, aus dem Leim zu gehen, wie sie sagt. Ich habe mit meiner Schwester wenig zu tun, und zu der Zeit, als sie anrief, wußte ich fast nichts von ihr außer ihren Lebensumständen, etwas über ihren Mann oder die Kinder. Wir hatten uns verloren, seit ich vor über zehn Jahren nach Berlin gezogen war, und es störte mich nicht.

Ich wußte, wie sie am Kalkwerderring zusammensaßen, als der Anruf kam, wie sie um den Eßtisch hockten und meine Mutter dann irgendwann Astrid den Auftrag erteilt hatte, mich zu benachrichtigen. Sie wird dort gesessen haben mit einem Taschentuch in der Hand, sie wird sich zusammengerissen haben und inzwischen auch nicht mehr viel geredet haben. "Wir müssen Christoph anrufen. Astrid, würdest du das bitte tun."

Meine Mutter war nicht im Haus, als meinen Vater der zweite Schlag traf. Sie fand ihn erst später, blau angelaufen und verkrümmt auf dem Boden des Eßzimmers liegend. Auch das hat sie mir nicht gesagt, ich weiß es von Astrid, die mir, als ich dann sofort anreiste aus Berlin, erzählte, was sie wußte. Was meine Mutter von sich gegeben hatte in der ersten Verwirrung. Ich nahm sie in den Arm damals, und als ich sie fragte, wie es ihm geht, sah sie mich an und sagte: "Es sieht sehr ernst aus. Wir müssen uns auf alles gefaßt machen." Ich weiß nicht, ich glaube, sie war auf alles vorbereitet, nur auf das nicht. Nicht auf einen langen Schwebezustand zwischen Leben und Tod. Wir besuchten ihn täglich, und es war schrecklich, ihn daliegen zu sehen. Mit den verschwitzten Haaren, einem Tubus, der ihm aus dem Mund ragte und über den ihm Sauerstoff in die Lungen gepumpt wurde. Er war an verschiedene Geräte angeschlossen und lag im Koma. Seine Lider waren fast immer halb geöffnet, und man konnte seine graublauen Augen sehen. Aber so merkwürdig das vielleicht klingt, es sah aus, als ob er nicht da wäre. Ich meine, als ob seine Seele oder was auch immer unsere Persönlichkeit ausmacht, das was meinen Vater ausgemacht hat, als wäre das nicht mehr da.

Ich blieb drei Tage zu Hause, und ich glaube, das half meiner Mutter. Ich wohnte in meinem alten Zimmer unter dem Dach, und wir verbrachten die Tage miteinander. Frühstückten, gingen in die Stadt, ins Krankenhaus. Sie blieb viele Stunden an seinem Bett und auch meine Schwester saß dort, wenn die Kinder in der Schule waren. Ich hielt es in diesem Krankenhaus nicht sehr lange aus. Mir war es nicht möglich, ihn zu berühren, ich hatte dies kaum getan, als er noch gesund war. Fast konnte ich es nicht denken, und es war mir peinlich, weil mir mein Verhalten so unbeteiligt vorkam. Ich schämte mich für jeden Blick aus dem Fenster. Mit diesen umgehängten Kitteln stand man da und wartete auf etwas, von dem man wußte, daß es nicht passieren würde. Er würde nicht aufwachen und etwas sagen. Es war hoffnungslos. Der Stationsarzt, ein junger, indianisch aussehender Mann mit lackschwarzen Haaren und einer narbigen Haut, benutzte dieses Wort. Er benutzte es gegenteilig und nahm mir doch genau damit alle Hoffnung. "Es ist noch nicht ganz hoffnungslos. Aber große Teile des Gehirns sind schwer geschädigt, und wir können noch nicht exakt sagen, wie sich das auswirkt und ob ihr Mann und Vater das übersteht."

Meine Mutter redete fast nie über meinen Vater. Sie weinte am ersten Tag mehrfach, einfach so aus dem Nichts heraus, und anfangs ging sie dabei in ihr Schlafzimmer. Aber sie ließ das irgendwann, weinte vor mir, und manchmal registrierte ich es gar nicht, weil sie tonlos weinte. Ton- und regungslos.

Nach drei Tagen machte ich mich aus dem Staub und fuhr zurück nach Berlin. Ich konnte meine Arbeit vorschieben, und fast erschien es mir, als wäre auch meine Mutter froh darüber. "Ja, es muß weitergehen. Ich ruf dich an, wenn es etwas Neues gibt." Auf der Fahrt im Auto und auch später in Berlin ergriff mich die Situation viel stärker. Ich wollte niemanden sehen und trank allein eine Flasche Wein. Dort hielt ich den Gedanken nicht aus, dort im Abstand von zweihundert Kilometern kam es mir vor, als würde ich die Situation begreifen und auch die Trauer in mir. Wir waren gewarnt gewesen durch den ersten Schlaganfall, aber es sah so aus wie bei allen Krankheiten meiner Eltern in den Jahren zuvor. Machbar, so als würde es ein Danach geben.

Selbstverständlich. Und ich konnte mich nicht an dieses Bild im Krankenhaus gewöhnen, an diese halb geöffneten Augen, und mir war nicht klar, wie so etwas wie Abschiednehmen funktionieren sollte.

Meine Mutter schiebt die Urlaubsbilder vor sich zusammen und sieht mich an. "Wann wirst du fahren morgen?" Ich habe das nicht gesagt, daß ich morgen wieder fahre, aber sie weiß, daß ich nur für diese eine Nacht da bin, um nach ihr zu sehen. Hinter uns im Haus liegt mein Vater im elterlichen Schlafzimmer, den Rücken leicht erhöht, in einem Pyjama. Seinen Blick starr auf einen Punkt gerichtet, den niemand sieht, und ich weiß, daß meine Mutter jetzt kurz zu ihm geht und die Nachttischlampe anschaltet, damit er ein Licht hat. Auch wenn er es vielleicht gar nicht braucht und es eher unserer Beruhigung dient. "Ich fahre nach dem Frühstück", sage ich und gehe mit ihr ins Haus.

 

Abwesend – 2 Cover Abwesend (Taschenbuch) Abwesend (Hardcover)
Gregor Sander  
Aktuelles Buecher Presse Biografie Audio und Video Kontakt